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Germanisierung des Bildungssystems

SOMM kritisiert seit Jahr und Tag die Ungleichheiten im österreichischen Bildungssystem, denen Kinder mit Migrationshintergrund aus nicht-westlichen Ländern ausgesetzt sind.

Offenbar gelingt es dem Bildungsministerium nicht, die seit einem Jahrzehnt von BildungsexpertInnen bestätigte Kluft zwischen den „prestigereichen und den prestigearmen Sprachen“ zu schließen.

Im Gegenteil, jetzt im Jahr 2012 ist ein Zustand eingetreten, der sogar eine Beamtin des Bildungsministeriums selbst, Frau Elfi Fleck vom Referat für Interkulturelles Lernen, von einer „beispiellosen Germanisierungsoffensive“ reden lässt. Sie meint damit die gesetzlich verankerte Forderung an Drittstaatsangehörige, Deutschkenntnisse vor der Einwanderung nach Österreich, vorzuweisen.

Das Schulssystem orientiert sich offenbar an dieser germanisierenden Gesetzgebung. Nach wie vor werden Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache in eine Vorschule geschickt. Obwohl die im Bildungsministerium vorgegebene Linie lautet, dass „eine noch nicht ausreichende Beherrschung der Unterrichtssprache Deutsch nicht mit mangelnder Schulreife gleichzusetzen ist“.

In dieselbe Richtung schlägt der anhaltende Trend, nicht ausreichend deutschsprechende Kinder den Sonderschulen zuzuweisen. Obwohl dafür ein „Verbot“ aus dem Ministerium erlassen wurde.

In der Regelschule selbst ist die Leistungsbeurteilung an der deutschsprachigen Norm orientiert. Logisch, dass die formale Gleichbehandlung von SchülerInnen mit ungleichen Voraussetzungen zu einer Ungleichbehandlung wird.

In einer Anweisung aus dem internen Ministeriumsarbeitspapier heißt es:

„Um fremdsprachigen Lernenden ein allmähliches Hineinwachsen in die Unterrichtssprache zu ermöglichen, um ihre Motivation zu stärken und um ihre Leistungen realistisch zu beurteilen, sollte ihre besondere Sprachlernsituation auch in der Leistungsbeurteilungsverordnung ihren Niederschlag finden.“

Wird diese Anweisung in alle Konferenzzimmer des Landes vordringen? Solange das Lehrpersonal Germanisierungspädagogik vorantreibt, sicher nicht.

Das bedeutet aber nichts anderes, als die Fortschreibung und Vertiefung eines strukturell tief rassistisch geprägten Schulwesens in Österreich.

Es beginnt im Kindergarten: Zahlreiche Angebote gibt es für „Englisch im Kindergarten“. Die Förderung der Erstsprache der Kinder, sei es türkisch, albanisch, afghanisch, arabisch und viele andere mehr, wird vernachlässigt. Eine flächendeckende Aus- und Weiterbildung für KindergartenpädagogInnen zu Mehrsprachigkeit gibt es nicht.

Es muss nicht auf die Vergleichsstudie der WU-Professorin Nairz-Wirth zurückgegriffen werden, um zu wissen, dass die Weichenstellung für spätere Chancen in Arbeit und Beruf im Kindergarten gelegt werden. Misserfolgserwartungen von PädagogInnen, das Versetzen auf die „Eselsbank“ von schweigsamen oder umso lauteren SchülerInnen, prägen den Schulalltag. Die damit einhergehende Vernachlässigung und Ausgrenzung, das folgende mobbing mit Schulangst bis hin zu Schulphobie, das sind die Zutaten der giftigen Mixtur, die  migrantischen Kindern das Schule-gehen zur Qual macht.

Die österreichische Schule ist, so die Studie, eine Mittelschichtsinstitution mit Mittelschichtslehrkörper:

„Die Kultur der Schule, auch der Sprache der Lehrer, trifft auf jene von Kindern, die in dieser Kultur leben – und auf solche, denen Umgangsformen und Sprache der Lehrer fremd sind. Die andere Sprache – etwa ein Jargon bei österreichischer Herkunft, bei Migrantenkindern ein von der Erstsprache durchsetztes Deutsch – wird oft schon als negativ bewertet.“

Im aktuellen Regierungsprogramm wird die „Gleichheit der Bildungschancen für alle Kinder“ angestrebt.

Wie denn, fragen wir uns, wenn die Expertisen und Anweisungen nicht umgesetzt werden, sondern eine genau gegenteilige Politik der Germanisierung betrieben wird?

Was steht am Ende dieser vielköpfigen Schlange?

Unternehmen im Niedriglohnsektor, meist Dienstleistungsbetriebe, sind auf junge MigrantInnen als billige Arbeitskräfte angewiesen. Damit es für die betuchtere deutschsprachigen Kundschaft „passt“, verbieten Wiener Bäckereien ihren MitarbeiterInnen mit gleichsprachigen Kundinnen in ihren Muttersprachen Serbisch oder Türkisch zu kommunizieren.

Äußerlich brüsten sich auch diese Unternehmen mit Multikulti-PR.

Wirtschaft und Politik ziehen am selben Seilende. Noch sind sie die Stärkeren. Doch der Aufschrei wird kommen. Doppelmoral und leere Versprechungen lösen in vielen Regionen der Welt Aufstände aus. Warum nicht auch hier.

 

Information:

Germanisierung statt Multikulti, Wiener Zeitung vom 9.12.2011, Feuilleton S. 18

http://diepresse.com/home/bildung/schule/hoehereschulen/685567/Schulabbruch_Einmal-Eselsbank-immer-Eselsbank

Bir Kipferl istiyorum*. Bäckereiangestellte dürfen mit Kunden nicht Türkisch und Serbisch sprechen, Falter 46/2011